14. Wieder aufstehen

„Tue zuerst das Nötigste, dann das Mögliche und schließlich schaffst Du das Unmögliche!“ (Unbekannt)

Zusammenfassung der Kernaussagen dieses Artikels:

Wie können wir lernen, mit der Krise und den Erschütterungen, die eine schlimme Diagnose oder andere tragischen Lebensereignisse mit sich bringen, umzugehen? In diesem Text werden dazu einige Möglichkeiten genannt und mit Hilfe einer Geschichte von Buddha und anhand des Beispiels des Psychologen und ehemaligen KZ-Insassen Viktor Frankl erläutert.

Wenn wir eine schlimme Diagnose erhalten kann uns das in eine tiefe Krise stürzen. Unsere für sicher und stabil gehaltene Welt gerät ins Wanken und wir drohen, unseren Boden zu verlieren. Es ist bekannt, dass nach einer Krebsdiagnose mehr Symptome durch die von der Diagnose ausgelösten Todesängste entstehen als durch den eigentlichen Tumor. Diese Ängste sind nicht unbegründet: Von den etwa 480.000 Neuerkrankungen an Krebs, die in Deutschland jedes Jahr zu beklagen sind, sterben knapp die Hälfte daran. Diese immer noch erschreckend hohe Todesziffer – zwischen September 15 und September 16 sind 230.771 Menschen in Deutschland an Krebs gestorben (vgl. Dowideit (2016), S. 36) – ist zwar im langsamen Abnehmen begriffen, weil die Medizin Fortschritte macht, doch ist sie immer noch erschreckend hoch.

Es ist andrerseits von elementarer Bedeutung, zu erkennen, dass eine Krebsdiagnose kein Todesurteil ist, sondern die genannten Fakten eben auch verdeutlichen, dass mehr als die Hälfte aller Erkrankten wieder gesundet! Und wie wir wissen, steigen unsere Chancen ganz erheblich, wenn wir die Diagnose zum Anlass nehmen, uns vermehrt und in realistischer Weise um die Linderung unserer Ängste und um Eigenverantwortung, Selbstfürsorge und Demut (vgl. MS 1) zu bemühen.

Es ist kein Wunder, wenn wir ernsthaft ins Straucheln geraten oder uns innerlich aufgeben und vielleicht daran zweifeln, je wieder aufstehen und uns den Herausforderungen dieser tödlichen Bedrohung stellen zu können. Alles erscheint vielleicht erst einmal sinnlos und vergeblich. Dazu braucht es keine Krebsdiagnose, auch andere Schicksalsschläge sind geeignet, uns aus der Bahn zu werfen oder in Hoffnungslosigkeit stürzen zu lassen. Man denke etwa an den oder die Angestellte/n in den Fünfzigern, der oder die stets recht engagiert für seine Firma gearbeitet und klaglos Überstunden und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen hingenommen hat. Und dann wechselt plötzlich die Firma den Besitzer und die neue Geschäftsführung, die keine persönliche Bindung mehr zu unserer/m Angestellten hat, schickt ihm/ihr eine Kündigung, weil sie oder er nicht mehr ins Unternehmensprofil passen. (In der Tat ist es ein beklagenswerter neuerer Trend in unserer Arbeitswelt, für mich ebenfalls Zeichen strukturell verankerter Verantwortungslosigkeit, älteren Arbeitnehmern zu kündigen, für die es sehr schwer ist, eine neue Arbeitsstelle zu finden.)

Oder denken Sie an die Frau, die ihre demente Mutter in den letzten Jahren ihres Lebens aufopferungsvoll gepflegt hat und nach dem Tod der Mutter erfahren muss, dass die Mutter einen Großteil des Erbes an ihren geliebten Sohn weitergegeben hat, der sich sehr wenig um die Mutter gekümmert hat. Denken Sie an den jungen Menschen, der einen Motorradunfall hat und danach querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Oder denken Sie an Eltern, die erleben müssen, dass ihre Kinder in jungen Jahren an Krankheiten oder bei Unfällen sterben. Denken Sie an all die Kinder, die Missbrauch oder Misshandlungen erleben müssen. Das sollen in den USA so etwa 25 Prozent aller Kinder sein.

All das sind keineswegs seltene Schicksale. Wie können wir weiterleben, wenn wir solche niederschmetternden und erschütternden Erfahrungen gemacht haben? Gilt dann auch noch der in Krisenzeiten häufig an Menschen gerichtete Satz: „Hinfallen ist keine Schande, aber liegen bleiben ist eine“? Der Satz ist tröstlich, wenn man hingefallen ist, insofern er das Scheitern als eine Folge menschlichen Strebens akzeptiert und von Scham und Schuld befreien will. Aber er hat auch etwas erbarmungslos Verurteilendes, wenn man die Kraft zum Wieder aufstehen nicht mehr in sich findet. Ist es nicht verständlich, wenn Menschen, die mit den oben genannten oder ähnlichen Schicksalen konfrontiert sind, liegen bleiben und sich hängen lassen oder ihrem Leben eine selbstzerstörerische Wendung geben?! Manche verfallen dem Alkohol oder den Drogen, andere werden depressiv und teilnahmslos, wieder andere fliehen in Wahnwelten oder verharren zeitlebens in Verbitterung über die Ungerechtigkeit und Grausamkeit ihres persönlichen Schicksals. All das sind mögliche Wege und sie scheinen mir menschlich völlig verständlich. Es steht uns nicht zu, darüber zu richten.

Aber ich wünsche jedem und jeder, dass es gelingen möge, sich aus der Umklammerung des Leidens an einem tragischen Geschehen zu lösen und sich neu auf das Leben einzulassen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass tatsächlich nach sehr, sehr dunklen Stunden wieder großartige und ungeahnt schöne Tage folgen werden.

Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass das chinesische Schriftzeichen für Krise aus zwei zusammen gefügten Zeichen besteht, von denen das eine „Gefahr“ bedeutet, das andere aber „Chance“. Das genau ist eine Krise: Es handelt sich um eine drohende Gefahr, die uns aus gewohnten Lebensbahnen schleudern könnte, aber eben auch um eine Chance, die Dinge neu zu ordnen oder eine neue Perspektive einzunehmen. „Sieh einmal die Dinge auf eine neue Art, denn das heißt, ein neues Leben beginnen“ hat der weise römische Philosoph Seneca uns gelehrt. Wenn wir beispielsweise lernen, unsere Krankheiten nicht nur in ihrer bedrohlichen Qualität zu erfahren, sondern sie konstruktiv auf Hinweise auf ungenutzte und ungelebte Lebenspotenziale zu untersuchen, gehen wir große Schritte darauf zu, uns und unser Leben „neu zu beginnen“.

Selbst bei schlimmsten Schicksalen bleibt uns diese Möglichkeit. Es gibt einen berühmt gewordenen Bericht aus dem Leben des Buddha, die den Punkt veranschaulicht: Zum Buddha kam eines Tages eine völlig verzweifelte Frau, deren Säugling gerade gestorben war. In ihrem großen Schmerz bittet sie den Buddha, von dem man sich Wunderdinge erzählt, ihr Kind wieder zum Leben zu erwecken. Buddha sichert ihr zu, dass er ihren Wunsch erfüllen werde, allerdings sei ihm das nur unter einer Bedingung möglich: Sie müsse ihm drei Reiskörner bringen. Diese würden ihre Kraft allerdings auch nur dann entfalten, wenn sie ihr von Menschen gegeben würden, die noch nie mit dem Tod in Berührung gekommen seien. Als die Frau das hört, bricht sie mit neuer Hoffnung im Herzen auf und fragt in allen Häusern nach den Reiskörnern. Doch immer wieder muss sie erfahren, dass es einen Menschen, der noch nie Bekanntschaft mit dem Tod gemacht hat, nicht gibt. Immer gibt es einen Verwandten, einen Vorfahren, einen Nachbarn, dessen Tod die Menschen berührt hat. Während die trauernde Frau so von Tür zu Tür geht, erkennt sie allmählich, dass sie in ihrem großen Kummer nicht allein ist. Sie erfährt immer wieder tiefes Mitgefühl von den Menschen, die sie um Hilfe bittet. Viele Menschen teilen ihre Trauer und fühlen sich mit ihr teilnahmsvoll verbunden. Allmählich beginnt so eine Veränderung in der Mutter des toten Kinds, eine neue Sicht auf die Dinge, die es ihr ermöglicht, mit ihrem großen und tragischen Verlust zu leben. Sie beginnt, die Allgegenwart und Unausweichlichkeit des Körpertods als eine zentrale Grundbedingung der menschlichen Existenz zu erahnen. Schließlich kehrt sie zu Buddha zurück, ohne die Reiskörner, doch getröstet und gestärkt durch die Erfahrung mitmenschlicher Anteilnahme und Verbundenheit. Sie wird schließlich seine Schülerin und bittet ihn um Unterweisung darin, wie sie noch besser lernen kann, ihr Leid zu überwinden.

Soweit die Geschichte. Es braucht glücklicherweise nicht immer einen Buddha, um uns in unseren dunklen Zeiten wiederaufzurichten. Selbsthilfegruppen machen sich das Prinzip des tiefen Trostes, der im Teilen und mitmenschlicher Verbundenheit liegt, zunutze. Ich kenne eine Kollegin, die sich dem Leiden über den frühen Tod ihres Sohnes mit Hilfe einer solchen Angehörigengruppe stellen konnte und darin die Kraft zum Weiterleben finden konnte. Falls Sie gerade an so einem tragischen Punkt in ihrem Leben stehen, dann könnte die Teilnahme an einer passenden Selbsthilfegruppe ein möglicher Weg der Rettung sein. Wenn ihnen das zu viel ist, gelingt es Ihnen vielleicht, andere Menschen zu fragen, wie diese mit schweren Schicksalsschlägen umgegangen sind und was ihnen vielleicht sogar geholfen hat, wieder Geschmack am Leben zu finden. Wir alle kennen schlimme Zeiten. Unter jedem Dach ein Ach, sagt der Volksmund und er hat recht damit. Und genau deshalb haben die meisten von uns schon gelernt, Krisen zu bewältigen und können uns mit ihrer Erfahrung zur Seite stehen.

Falls Sie gerade der festen Überzeugung sind, dass Hiobs Schicksal gegenüber ihrem ein Kaffeekränzchen war und Sie glauben, dass es kein schlimmeres Geschick unter der Sonne als das ihre geben kann, so kann ich Ihnen versichern, dass das nicht der Wahrheit entspricht. Lösen Sie sich von dieser Vorstellung und fragen Sie sich eher, was das Leben genau jetzt von ihnen will. Die Frage lautet nicht, was Sie gerade von ihrem Leben erwarten, sondern was ihr Leben zu diesem Zeitpunkt von Ihnen erwartet. Diese bemerkenswerte Frage habe ich zum ersten Mal bei dem jüdischen Arzt und Psychotherapeuten Viktor Frankl gelesen. Frankl war als Jude während der Nazizeit in unterschiedlichen Konzentrationslagern interniert. Er überlebte diese Jahre und berichtete uns später in einem ebenso erschütternden wie ermutigenden Zeitdokument, das er unmittelbar nach Kriegsende 1945 niederschrieb, über seine Erfahrungen im KZ.

Er schrieb auch darüber, welche Methoden er einsetzte, um in dieser Situation extremen Ausgeliefertseins an Gewalt, Terror und Willkür als Mensch zu bestehen. Frankl entdeckte für sich, dass selbst diese existenzielle Grenzsituation noch die Möglichkeit zu menschlicher Freiheit und Würde in sich barg. Frankls Grundüberzeugung ist, dass jedem Menschen letztlich die innere Freiheit bleibt, wie er sich zu den Dingen stellt. Die Wachmänner im KZ hatten offenkundig die absolute Macht über den Körper und das Leben eines jedes Sträflings, also auch über Körper und Leben von Viktor Frankl, doch eben nicht auf seinen Geist und seine Seele. Als Mensch habe man stets die Freiheit, zu entscheiden, wie wir auf die Dinge in unserem Leben antworten wollen. Dieser Gedanke ist Frankls zentrales Vermächtnis an uns.

In seinem späteren Leben arbeitete Frankl als Psychotherapeut auch sehr viel mit Menschen, die Suizidgefährdet waren. Eine seiner Fragen an diese Menschen war eben die bereits erwähnte: „Was erwartet das Leben jetzt von Ihnen?“ Eine andere sinnvolle Strategie, die ihm half, die Hölle des KZ zu überleben, bestand darin, eigene positive Zukunftsvisionen zu nähren. So stellte er sich beispielsweise vor, wieder mit seiner Frau vereint zu sein – Frankls Frau war ebenfalls interniert, allerdings in einem anderen KZ – und mit ihr zu sprechen. Das war Frankls stärkstes Lebenselixier. Eine andere ihm Kraft verleihende Vorstellung bestand darin, sich selbst in der Zukunft in einem warmen, hell erleuchteten Vortagssaal am Rednerpult stehen zu sehen und einem interessiert zuhörenden Publikum seine Gedanken über die „Psychologie des Konzentrationslagers“ nahe zu bringen. (Die Möglichkeiten, die Kraft unseres Vorstellungsvermögens für unsere Genesung zu nutzen, soll in einem anderen Mosaikstein intensiver erkundet und beschrieben werden.)

Vielleicht gelingt es uns, während wir das großartige Beispiel der Würde, der Größe und der Menschlichkeit Viktor Frankls vor Augen haben, uns daran aufzurichten und neuen Mut zu schöpfen. Statt über die quälende Frage zu grübeln: Warum gerade ich?, die sich uns in schweren Zeiten so schnell aufdrängt, könnten wir besser daran tun, uns auf Frankls Frage einzulassen und über sie nachzudenken:

 

„WAS ERWARTET MEIN LEBEN JETZT VON MIR?“

 

Ihre ganz persönliche Antwort wird dem eigenen Leben wieder Sinn und Richtung geben.

Literaturempfehlungen:

  • Dowideit, Annette (2016): Leben hat seinen Preis, in: Welt am Sonntag, 46, 13.11.16, S. 36-37
  • Frankl, Viktor (1998): … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München: dtv